1. Reflexionen

Firma Anton Gottschald & Comp., Neudek / Erzgebirge,
k.k. landesprivilegierte Spitzenfabrik,
Herstellung und Handel mit Spitzen im böhmisch, westlichen Teil des Erzgebirges.


Eine unvollständige Reminiszenz der vergangenen Familien- als auch Firmengeschichte.

Reflexionen

Um es vorweg zu nehmen, wie es mit der Firma Anton Gottschald & Co. nach dem 2. Weltkrieg weiterging, ob und wann sie erloschen ist, ob etwaige Personen der Nachfolgegeneration dieser Kunzmann Familienlinie überhaupt noch zu finden sind, bleibt weiterhin im Dunkeln verborgen.

Bis ca. 1943 lassen sich die Spuren in der Geschichte verfolgen. Das Zeitgeschehen danach ist, trotz intensiver Nachforschungen, einfach nicht mehr darstellbar.

Es war eine der ältesten Firmen die sich mit der Herstellung und Handel mit Spitzen in Böhmen befasste. Neben dem Hauptsitz in Neudek bestanden Filialen in Wien, Budapest, Mailand und eine Zweigniederlassung in Plauen.

Mein Interesse galt einmal der Firmenhistorie, wie dem Gründer, Firmeninhaber Umsatz, Anzahl der Mitarbeiter und zweitens, inwieweit bestehen Verbindungen zu meiner Kunzmann-Linie. Bedauerlicherweise lassen sich dabei nur ganz wenige Fotos von den Personen oder Wohngebäuden auffinden, von den Gemälden von denen in dem folgenden Zeitungsartikel die Rede ist, ganz zu schweigen.

Es ist ein umfangreiches Projekt das versucht viele Facetten der damaligen Zeit in wirtschaftlicher als auch in familiärer Hinsicht zu beleuchten. Die Grundlage meiner Recherchen bildet der nachfolgenden Zeitungsartikel aus der Zeitschrift: „Deutsche Zeitung Bohemia“ vom 12. Januar 1936, Seite 6, sowie das Buch „Geschichte der Stadt Neudek“ von 1923, in dem auf den Seiten 281 bis 283 weitere Hinweise zu finden waren.

Die Suche in den Matriken und verschiedenen Archiven gestaltete sich zeitweise sehr aufwendig und brachte weitere bisher unbekannte Familienzusammenhänge zum Vorschein. An dieser Stelle sei allen Personen ganz herzlich gedankt, die mich bei meinen Recherchen in irgendeiner Weise hilfreich unterstützt haben, insbesondere aber bei Herrn Ullrich Möckel (Herausgeber des Grenzgängers), Herrn Pavl Andrs, vom Verein JoN in Neudek, Herrn Heinz Heidler, sowie bei Frau Anita Donderer und Herrn Josef Grimm vom Neudeker Heimatmuseum in Augsburg für die freundliche Hilfe.

Sollten Sie, lieber Leser, rein zufällig weitere zusätzliche Informationen zu diesen Thema haben, würde ich mich sehr freuen von Ihnen zu hören.

Zeitungsartikel über die Firma Anton Gottschald & Co. in Neudek
Ehrenschild Sudetendeutschen Gewerbefleisses – Das Vaterhaus der Spitzenklöppelei

Bildquelle: Deutsche Zeitung Bohemia“ vom 12. Januar 1936, Seite 6

 
 

Vermerke

Die in dem Artikel beschriebene Kunzmann Linie geht auf Christian Kuntzmann (*30.1.1703) zurück wobei dessen Bruder Johann Jakob Kuntzmann (*24.1.1708) sich in meiner direkten Familienlinie befindet. Der Stammvater von beiden war Johann David Kuntz (*12.7.1671). Dessen Vater wiederum war Christoff Kuntz (*ca. 1630) der 1656 Magdalena Baumgerdtl (*ca. 1633) geheiratet hat.

Nachfolgend die wortwörtliche Abschrift des Artikels in der damaligen Schreibweise. Bei den in dem Zeitungsartikel erwähnten Personen wurde zusätzlich, soweit vorhanden, das Geburtsdatum ergänzt.

Ehrenschild
Sudetendeutschen Gewerbefleisses

Das Vaterhaus der Spitzenklöppelei

Anton Gottschald & Co., Neudek Gegründet 1750

Eine der ältesten sudetendeutschen Firmen und die älteste der Handspitzenbranche überhaupt, ist die Firma Anton Gottschald & Co. in Neudek. Sie wurde von Anton Gottschald aus Hirschenstand bei Neudek im Jahr 1750, also vor 186 Jahren gegründet.

Sein Sohn und Nachfolger Jakob verehelichte seine Tochter Ludmilla Susanna [*24.02.1774] mit einem Johann Josef Kunzmann, [*07.07.1773] einen Spitzenerzeuger aus Sauersack, und da Jakob Gottschald [*19.06.1731] keine männlichen Nachkommen hatte, wurden beide Firmen unter dem Namen „Anton Gottschald & Co.“ vereinigt. Seither ist die Firma durch Vererbung von Sohn auf Sohn ununterbrochen in dem Besitze der Familie Kunzmann. Die derzeitigen Inhaber stellen schon die siebente Generation Kunzmann dar.

Die Familie Kunzmann selbst kommt ursprünglich aus Sachsen; ihr Ursprung lässt sich bis ins 13. Jahrhundert verfolgen. Sie hat auch so manchen bedeutenden Mann hervorgebracht, wie den Arzt und preußischen Hofrat Johann Heinrich Kunzmann, der 1775 in Berlin verstarb.
Eine Linie dieser Kunzmann siedelte zur Zeit der Blüte des Bergbaues nach Sauersack im Erzgebirge über, der Name wurde wegen der Geschicklichkeit ihrer Mitglieder seinerzeit auch „Kunstmann“ geschrieben.

Zur Zeit der Einführung der Handklöppel-spitzenerzeugung und der abnehmenden Ergiebigkeit des Bergbaues nahm die Familie die Spitzenerzeugung auf, bis sie schließlich um 1790, wie bereits erwähnt, in die Firma Gottschald einheiratete. 1846 siedelte die Firma Anton Gottschald & Co. nach Neudek über, wo ihr damaliger Inhaber, Kaspar Josef Kunzmann [*06.07.1814] der Sohn der Ludmilla Kunzmann (geb. Gottschald) das Bürgerrecht dieser Stadt erwarb.

Dieser ging einige Jahre später nach Wien, wo er eine Filiale der Firma Gottschald errichtete, während sein Sohn Felix Karl Kunzmann [*24.03.1842] in Neudek die Firma weiterführte. Er war 25 Jahre Bürgermeister und wurde Ritter des Franz Josef Ordens.

Die Firma Gottschald besaß auch zu Beginn bis Mitte des vorigen Jahrhunderts Verkaufsfilialen in Mailand und Budapest.

Die Firma ist stolz darauf, die in Öl gemalten Bilder sämtlicher Inhaber vom Gründer Anton Gottschald angefangen bis zum vorletzten im Jahre 1923 verstorbenen Josef Kunzmann zu besitzen, der nach dem Weltkriege auch eine Bandweberei errichtete, ein Unternehmen, das aber zu Beginn der Krise aufgelassen wurde.

Ende des vorigen Jahrhunderts verlegte sich die Firma auf den Export, vor allem wurde Nordamerika beliefert. 1924 wurde das Wiener Unternehmen von jenem in Neudek getrennt und als Verkaufsstelle von Modeartikeln durch Verwandte übernommen.

Hingegen gründeten die jetzigen Inhaber der Neudeker Firma im Jahre 1926 in Plauen eine Zweigniederlassung, die aus technischen Gründen 1934 selbständig gemacht wurde. Die heutigen Inhaber der beiden Firmen sind die Brüder Kunzmann, und zwar gehören den Herren Josef und Leo Kunzmann das Neudeker Stammunternehmen, während Heinrich Kunzmann die Plauener Firma inne hat.

Die Firma erzeugt handgeklöppelte Spitzen und sämtliche daraus herstellbare Waren, wie Decken in allen Größen, Motive, Vorhangartikel, Gardinen und Stores und handgeklöppelte Jumpers und Jacken. Ferner wird die in der Slowakei wie am Balkan verwandte sagen „Bobbinetware“, d.h. appretierte bestickte Tülltücher, Spitzen und Decken, ebenfalls von der Firma hergestellt.

Die Firma Gottschald hat gute und auch schwere Zeiten mitgemacht. Nach dem Umsturz lag das ganze Firmenkapital in Wien, einen weiteren Schlag der letzten Jahre bedeutete die Deflation im Jahre 1923, worunter die Firma, welche die aufgenommen alten Kredite in guter Währung zurückzahlen musste, noch heute leidet, durch die Krise ging der Umsatz beträchtlich zurück; doch lässt sich bereits so viel sagen, dass sich das Unternehmen wieder im Stadium eines langsamen Wiederaufbaues befindet.


Exkursion

Laut dem obigen Zeitungsartikel zur Firma Anton Gottschald & Comp. kommen die „Kunzmänner“ aus Sachsen wobei ich mir an dieser Stelle nicht sicher bin, welcher Ort / Stadt um das 13. Jahrhundert hier in Frage kommt. Es könnte aber auch möglich sein, dass sie als Bergleute aus dem Harz nach Sachsen eingewandert sind.

Als um 1470 ergiebige Silbervorkommen in Schneeberg sowie um 1491 im heutigen Annaberg-Buchholz entdeckt führte dies zum zweiten „Bergeschrey“. Jetzt wurden auch die Kammlagen des mittleren und westlichen Erzgebirges urbar gemacht. Zu dieser Blütezeit des Bergbaus siedelte eine Kunzmann Linie von Sachsen nach Sauersack (damals in Böhmen). Mit abnehmender Ergiebigkeit des Bergbaus um 1790 verlagerten sich die Mitglieder auf die Herstellung und den Handel mit Handklöppelspitzenerzeugnissen.

Eine der ältesten Firmen, die sich zu dieser Zeit mit der Herstellung und Handel mit Spitzen in Böhmen befasste, war die Firma Anton Gottschald & Co. Sie wurde 1750 in Hirschenstand gegründet. Die Recherchen zu dem vorherigen Zeitungsartikel haben jedoch ergeben, dass Anton Gottschald [*1763] aufgrund seines Geburtsdatums die Firma nicht gründen konnte, denn zu diesen Zeitpunkt war er 17 Jahre alt. Der Gründer der Firma muss demnach sein Vater Jakob [*21.6.1731] gewesen sein, der dabei vermutlich den Namen seines Sohnes Anton benutzt hat. Auch das darin angegebene Gründungsjahr 1750 ist sehr wahrscheinlich nicht korrekt wiedergegeben worden, denn in älteren Quellen wird das Jahr 1780 genannt.

Anton Gottschald [*6.3.1763] selbst ist vermutlich unverheiratet und kinderlos geblieben und war nur der Namensgeber der Firma. Es ließen sich keine weiteren Aufzeichnungen zu ihm in den Matriken finden. Jakob Gottschald [*21.6.1731], der Firmengründer, war mit Anna Regina Ullmann [*20.12.1740] verheiratet. Ludmilla [*24.2.1774], seine Tochter aus dieser Ehe, heiratet im Jahr 1794 den Spitzenhändler Johann Josef Kunzmann aus Sauersack. Beide Firmen vereinten sich dann unter dem Namen Anton Gottschald & Compagnie. Seit diesem Zeitpunkt ist die Firma durch Vererbung von Sohn auf Sohn im Besitz der beschriebenen Kunzmann-Linie geblieben

Aus dieser Familienlinie entstammt auch Johann Heinrich Kunzmann den es von Sachsen nach Berlin zog. Leider konnte ich zu diesem Familienzweig bisher nur spärliche Informationen finden. Einen Hinweis findet man in dem Buch „Christentum – Staat – Kultur“, Akten des Kongresses der internationalen Schleiermacher-Gesellschaft in Berlin, März 2006, auf Seite 655 und 662:

Bei einer Wohnungsauflösung in Berlin in den siebziger Jahren wurde ein kleines Büchlein aus dem Abfall gezogen in dem auf einem darin gefundenen Zettel folgende Angaben der Konfirmandin Auguste Kunzmann zu finden waren:
Demzufolge war sie die Tochter des Geheimen Hofrat und praktischen Arzt Dr. Johann Heinrich Leberecht Kuntzmann [*24.11.1775, +03.1.1858 in Berlin] bei Wilhelm, dem späteren Kaiser, und seiner Frau Caroline Luise, geb. Schiller [11.3.1788, +16.6.1863 in Berlin], vermählt am 27.9.1806. Auguste war eine durch Privatlehrer erzogene Konfirmandin, die am Unterricht von Friedrich Schleiermacher, einem evangelischen Theologen teilgenommen hat. Auguste Kunzmann (ca.*1815) heiratete am 18.1.1837 Hermann Heinrich Weseniß, Fabrik- und Apothekenbesitzer in Potsdam, Nauener Straße. Die weiteren Recherchen hierzu blieben bis heute erfolglos.

Eine weitere Spur der Familie führt uns nach Plauen wo Heinrich Leo (Heinz) Kunzmann, der Sohn von Josef Karl Kunzmann verheiratet mit Martha Barbara, geb. Wolf, im Jahr 1923 eine Zweigniederlassung der Firma Anton Gottschald, Neudek, eröffnete.

An dieser Stelle sei der Hinweis erlaubt, dass die vielen Mitglieder der Kunzmann-Familien von Sauersack, Neudek, Wien, und Plauen weit im Land verstreut sind und es sehr schwierig ist, die Familienzusammenhänge bis in die heutige Zeit komplett darzustellen.


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5 Gedanken zu „1. Reflexionen

  1. Sehr geehrter Herr Hubert Kunzmann,
    vielen Dank für Ihre Recherchen!
    Ich freue mich sehr, diese Seite der Kunzmann.Family gefunden zu haben!!
    Meine Großmutter mütterlicher Seite ist eine geb. Kunzmann.
    Vielleicht ist es interessant für sie zu wissen, daß Ludmilla Gottschald am 9.6.1794 die Ehe mit Josef Kuntzmann geschlossen hat.
    Meine Großmutter ist in Neudeck geboren! Im Jahr 1899
    Das ist ja eine spannende Geschichte!!
    Ein Josef Kunzmann von 1814 war Spitzenhändler.
    ich erinnere mich, daß meine Großmutter klöppeln lernte!
    Viel Erfolg wünscht Ihnen
    Barbara Horack

  2. Hallo Herr Hubert Kunzmann,
    durch Barbara Horack, sie ist mein Patenkind, bin ich auf Ihre Webseite aufmerksam gemacht worden.
    Mein Name ist Harald Kunzmann. Ich wurde am 13.02.1944 in Neudek geboren. Mein Vater ist
    einer der in dem Ehrenschild Artikel, als „heutige Inhaber“ genannten Brüder, nämlich
    Josef Kunzmann.
    Ich werde mich jetzt erst einmal damit beschäftigen, Ihre hochinteressante Webseite durchzuarbeiten. Vielleicht ist es für uns beide auch interessant festzustellen, wie es sich mit
    unserem Verwandtschaftsverhältnis verhält. Ich würde mich über eine Rückmeldung freuen.

    Freundliche Grüße.
    Harald Kunzmann
    Ver

  3. Hello Mr Kunzmann,
    I have been going through old matrikas for some time and have found some facts about my ancestors from Neudeck and the area. Finding your pages was a very pleasant surprise for me. My great grandmother was Hermine Kunzmann ( Ströhmer). I know some facts about the fate of some members of the family after 1945 as my grandmother ( the only member of the whole family who could stay in this country as she was married to a Czech national) was in contact with Tante Mila ( Kunzmann – Kimmel). I have a picture of the whole family – the great great grandmother Kunzmann celebrating her birthday with all her grownup children, and a picture of the family in 70s in Sulzbach-Rosenberg – which I could send you. As I have just discovered your pages I have not managed to read them all yet but look forward to it very much. And look forward to further contacts with you.
    With sincere regards
    Blanka Novackova

    1. Dear Ms Novackova,

      the surprise was also on our side. You are indeed our relative and your great grandmother Hermine Kunzmann is related to the Spitzenfabrik Anton Gottschald in Neudek. My partner Hubert has already contacted you offline with further information about our relatives. I am looking forward to further joint findings about this part of the Kunzmann family tree.

      Gerald Kunzmann

  4. Dear all,
    I am Margot Harkemper, daughter of Heinrich Kunzmann, a cousin of Harald Kunzman who has written to you above. We both live in Krefeld/Germany and may well be able to contribute to the history of Anton Gottschald & Co. if requiered. For that I will get in contact with Harald.
    I would be pleased to hear from you, too.

    Best regards
    Margot

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