3. Firmengeschichte

Firma Anton Gottschald & Comp., Neudek / Erzgebirge,
k.k. landesprivilegierte Spitzenfabrik,
Herstellung und Handel mit Spitzen im böhmisch, westlichen Teil des Erzgebirges.


(recherchiert in „ANNO“ Österreichische Nationalbibliothek sowie Google Books)

Firmengeschichte

Wie bereits im Artikel Reflexionen & Exkursion erwähnt, ergaben die Recherchen, dass Anton Gottschald [*1763] aufgrund seines Geburtsdatums die Firma nicht gründen konnte, denn zu diesen Zeitpunkt war er 17 Jahre alt. Der Gründer der Firma muss demnach sein Vater Jakob [21.6.1731] gewesen sein, der dann vermutlich den Namen seines Sohnes Anton benutzt hat.

Auch das darin angegebene Gründungsjahr 1750 ist sehr wahrscheinlich nicht korrekt wiedergegeben worden, denn in weiteren, älteren Quellen wird das Jahr 1780 aufgeführt.

Anton Gottschald [*6.3.1763] selbst ist vermutlich unverheiratet und kinderlos geblieben und war nur der Namensgeber der Firma. Es ließen sich zu ihm keine weiteren Aufzeichnungen in den Matriken finden.

Jakob Gottschald [21.6.1731], der Firmengründer, war mit Anna Regina Ullmann [*20.12.1740] verheiratet. Ludmilla [*24.2.1774], seine Tochter aus dieser Ehe, heiratet im Jahr 1794 den Spitzenhändler Johann Josef Kunzmann aus Sauersack.

Beide Firmen vereinten sich dann unter dem Namen Anton Gottschald & Compagnie. Seit diesem Zeitpunkt ist die Firma durch Vererbung der Firmenanteile von Sohn auf Sohn unter der Leitung der beschriebenen Kunzmann-Linie geblieben.

Als einer der ersten Gesellschafter wird im Jahr 1812 Anton Carl Korb erwähnt. Er war Müllermeister in der Hammermühle / Breitenbach und heiratet mit 26 Jahren am 8.6.1789 in Hirschenstand #26 (das war das Haus von Jakob Gottschald) die Tochter Theresia Gottschald (17 Jahre). Zu diesem Zeitpunkt war er noch nicht im Spitzenhandel tätig.

Ein weiterer Gesellschafter ist in dieser Zeit auch Felix Kerl, der später Hauptgesellschafter neben Josef Kunzmann „Junior“ war. Zuvor war er in Platten als Großhändler und Blaufarbenwerksbesitzer, ansässig. Verheiratet war er mit Carolina, geb. Miesl.

Die Familie Miesl war sehr bedeutend in Platten und seit mehreren Generationen im Besitz des Blaufarbenwerkes in Breitenbach. Wie er Anteilseigner an der Spitzenfabrik wurde, konnte noch nicht herausgefunden werden. Kaufte er sich ein?

Man sieht, dass es damals bei dem Unternehmen nicht nur um die Familie Kunzmann geht, sondern auch um die Schwiegersöhne und Nachkommen des Spitzenhändlers Jakob Gottschald. Das waren außer den Kunzmännern auch die Familien Korb und vielleicht Kerl. Die Firma hat nie den Namen Kunzmann getragen und war nie ganz in deren Familienbesitz.

Interessant an dieser Stelle auch, dass die Familien „Gottschald“ als auch „Korb“ Besitzer einer Eisenhütte waren:
Die Bleche mit dem Markenzeichen „Einhorn, Hengst und Krone“ hatten Ende des 17. Jahrhunderts Weltruf und waren begehrte Handelsobjekte. Hergestellt wurden die Bleche im „Arnoldshammer / Rittersgrün“, Wildenthal und Neidhardtsthal.

Spannt man den Bogen noch etwas weiter, so lassen sich über die Familie Korb und später Hahn auch eine Verbindung zur „Dreckschänke“ in Breitenbach herstellen.

Auch sei noch kurz erwähnt, dass die Familie Korb von der Familie Gottschald Häuser erworben hat und Anton Gottschald das Haus von seinem Vater Jakob Gottschald im Jahr 1782 erworben hat.

Zudem war Jakob Gottschald noch an der Firma Breitfeld in Prag beteiligt, die Bobbinetware herstellte und im Maschinenbau tätig war.

Dazu gäbe es noch viel mehr zu berichten doch dies soll jetzt an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden.


Der digitale Zugang zu den verschiedenen Wiener Zeitungen im 18. Jahrhundert über die Österreichische Nationalbibliothek mit dem Projekt „ANNO“ sowie über Google Books, ermöglichte einen weiteren Einblick in die handels- und firmenbezogene Geschichte der Firma.

Darin war der Gegenstand des Unternehmens die Herstellung und der Handel von Spitzen, Tüllwaren, Seidenspitzen sowie die Fabrikation aller Arten von Bobbinetware. In den Handelsregister Rubriken fanden sich dann auch weitere Informationen über die Rechtsform, das Grund- und Stammkapital, die Namen der Geschäftsinhaber sowie Hauptsitz und Zweigniederlassungen.
Amtsblatt zur Wiener Zeitung

Entnommen aus: „Amtsblatt zur Wiener Zeitung“, Dienstag 5. Mai 1868, #107, Seite 14, „Central Anzeiger für Handel und Gewerbe“

Im Register Gesellschaftsfirmen wird im Jahr 1863, die Firma bereits in Neudek protokolliert und nicht mehr in Hirschenstand bzw. Sauersack.
Gerichtshalle - Anton Gottschald

Entnommen aus: „Gerichtshalle“ #64, 7. Jahrgang, Donnerstag 12. November 1863, Scan 8, Seite 538

Nachfolgend der Hinweis auf das Gründungsjahr 1780 (und nicht 1750 wie in dem Zeitungsartikel angegeben).

Hinweis auf Gründungsjahr 1780

Entnommen aus: Mitteilungen des Vereines für Geschichte der Deutschen in Böhmen, Band 11, Seite 70

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass nicht alle derartigen Handelsregister Nachrichten im Laufe der Jahrzehnte in dieser Firmengeschichte aufgeführt werden können.


Unzählige Musterkollektionen der erzgebirgischen Klöppelspitze kamen zur Herstellung und zum Handel wobei dies größtenteils in Heimarbeit seitens der Bevölkerung in den einzelnen Dörfern erfolgte. Die Darstellung des Unternehmens auf Messen und Ausstellungen erhöhte den Bekanntheitsgrad in der Region und weltweit. Die gute Qualität der Produkte sowie die termingerechten Lieferungen brachten lobende Anerkennungen und viele Preise mit sich.

Daraus entwickelte sich ein steigender Absatz der Waren und in dessen Folge musste die Verkaufsstruktur neu ausgerichtet werden. Im Jahr 1868 entschied man sich daher, in Wien, einer Stadt mit internationalem Publikum, eine Filiale zu eröffnen, die sich im Laufe der Zeit zum Mittelpunkt des gesamten Unternehmens entwickelte.

Exemplarisch für die vielen unterschiedlichen Klöppelspitzenmuster möchte ich an dieser Stelle nur eine Handarbeit von Frühbußer Frauen anlässlich der Kirmes im Jahr 2008 präsentieren.
Klöppelspitze - Tischdecke - Erzgebirge

Foto: Hubert Kunzmann

Was bedeutet eigentlich: „Bobbinetware“? Diese Bezeichnung kommt teilweise aus dem Englischen. „Bobbins“ – übersetzt, sind die Spulen bzw. Spindeln für die Seidenfäden und „Net“ ist das Netz bzw. der Tüll, der auf Maschinen hergestellt wird. Diese Maschinen oder auch „Bobbinetstühle“ genannt, wurden in England erfunden, aber auch in Chemnitz / Sachsen war man nicht tatenlos. Um das Jahr 1830 wurden durch Friedrich Georg Weck derartige Maschinen nach eigenen Ideen entwickelt und zum Einsatz gebracht.
Bobbinet oder auch Maschinenspitzengrund ist ein durchsichtiges baumwollenes oder seidenes Gewebe, das in verschieden Formen in der Bekleidung des weiblichen Geschlechts Anklang findet.

Auch Anton Gottschald investierte im Jahr 1853 in diese Maschinen und stellte sie in Hirschenstand auf. Die Herstellung der feineren Qualitätserzeugnisse erfolgte zum größten Teil mit sächsischem Zwirn.

Neudek bildete bis ins 20. Jahrhundert das Hauptzentrum der Großhändler mit Spitzen im böhmischen Teil des Erzgebirges. Von hier aus, aber auch von Wien, wurden die Produkte nach allen Herren Länder ausgeführt. Dabei waren die Ausfuhren der Spitzen- und Tüllwaren nach England und nach Amerika die Haupteinnahmequellen der Firma.

Das Ende des 1. Weltkrieges 1918, der Zerfall von Österreich-Ungarn und die Entstehung der Tschechoslowakei brachte eine staatliche Trennung der Firmen- und Vermögensverhältnisse mit sich. Dies führte unweigerlich zu neuen aufwendigen Abwicklungsprozessen des Warenaustausches sowie des Kapitalverkehrs zwischen Österreich und der Tschechoslowakei. Unzählige Firmen waren von den Auswirkungen betroffen. Zollabgaben waren jetzt beim Import von Textilerzeugnissen in beiden Ländern zu entrichten mit der sich auch die Fa. Anton Gottschald in ihren Geschäftsprozessen zwischen Wien und Neudek auseinander setzen musste.

Während meiner Recherchen im Österreichischen Staatsarchiv, Wien, konnte ich aus dem Archivbestand des Staatsamtes für Handel und Gewerbe einen interessanten Schriftwechsel zwischen der Zollverwaltung in Wien und der Fa. Anton Gottschald & Co., Neudek, finden. Hier ging es um den Antrag zur Einrichtung eines Auslands-Veredelungsverkehres mit Einfuhrzollbefreiung, der allerdings von Seiten der Behörde abgelehnt wurde.

Schon damals, im Jahr 1927, führte der Import von Spitzen aus China zu einem großen Konkurrenzkampf unter den ansässigen Firmen in Böhmen. Selbst in der heutigen Zeit sind viele Unternehmen gezwungen, sich mit dieser wirtschaftlichen Problematik im täglichen Geschäft auseinander zu setzen. Mitte der dreißiger Jahre wurde die Einfuhr von tschechischer Spitze durch die deutsche Regierung per Gesetz untersagt. Davon war hauptsächlich der Standort Neudek betroffen, der diesen Umsatzrückgang nur mit dem Exportgeschäft nach Amerika teilweise ausgleichen konnte.

Mit dem Ende des 2. Weltkrieges ist das bisher gekannte System der Herstellung und des Vertriebes gänzlich vom Markt verschwunden. Wie die Firmengeschichte in der Nachkriegszeit in Wien und Neudek weitergegangen ist, wann und wie die beiden selbständigen Firmen aufgelöst wurden, ließ sich aufgrund der spärlichen Funde nicht mehr herausfinden.

Firmengeschichte im Zeitraffer / Kurzversion

1750 Das Gründungsjahr wird in dem genannten Zeitungsartikel mit 1750 angegeben jedoch bei Recherchen in älteren Publikationen wird 1780 vermerkt.
1780 Firmengründung in Hirschenstand vermutlich durch den Vater Jakob Gottschald;
Namensgeber war wahrscheinlich sein Sohn Anton Gottschald.
1812 Übernahme der Firma durch Johann Josef Kunzmann, sen.und Anton Karl Korb (Müllermeister aus Breitenbach).
1820 Heimarbeiter insgesamt: 8.561 Personen

Joachimstal 1225
Graslitz u Umg. 1000
Neudek 920
Sauersack 826
Hirschenstand 710
Trinksaifen 820
Neuhammer 554
Gottesgab 454
Kohling 450
Abertham 250
Neuhaus 245
Frühbuss 243
Heinrichsgrün 206
Sebastiansberg 184
Platten 182
Eibenberg 156
Schönlind 136
1843 Faktoreien in Sauersack und Bergstadt Platten
1846 Firmensitz von Hirschenstand nach Neudek verlegt.
Jetzt: „k.k. landesprivilegierte Neudeker Spitzenfabrik“
Firmeninhaber: Kaspar Josef Kunzmann, jun.
Der Umzug der Familie Kaspar Josef Kunzmann mit Karolina Kerl von Sauersack #24alt nach Neudek #113 fand am 6. August 1846 statt.
1853 Hauptniederlassung Neudek
Firmeninhaber: Josef Kunzmann Junior
Leiter der Filiale Wien: Felix Kerl
1868 Eintrag Handelsregister Eger
Hauptniederlassung Wien:

  • Felix Kerl
  • Josef Kunzmann, Junior

Zweigniederlassung Neudek:

  • Josef Kunzmann, Senior
  • Karl Kunzmann
1874 Firmeninhaber:

  • Felix Karl Kunzmann (1868 – 1918)
  • Julius Kolb (Senior)
  • Camillo Kunzmann
1908 Eintritt von Josef Kunzmann (+ 30.11.1908)
1918 Ende 1. WK – Zerfall Österreich/Ungarn und Gründung der Tschechoslowakei
1920 Firmensituation Anton Gottschald wie folgt:
Neudek: Export – Sachsen und Übersee

  • Josef Karl Kunzmann (+30.11.1923)
  • Leo Kunzmann

Wien: Anton Gottschald & Co. – Weiß- und Kurzwarenhandel, 1.Bez., Hoher Markt 12
mit Zollager in der Wipplinger Str. 20

  • Rudolf Kamillo Kunzmann, Prokurist
  • Julius Kolb, Prokurist
1922 Eröffnung Klageverfahren gegen Speditions-Büro Friedmann & Spielberg. Firmeninhaber der beklagten Firma sind untergetaucht.
1923 Plauen: Gründung Zweigniederlassung durch Heinrich Leo Kunzmann (*19.8.1900)
Ende der Inflation – Einführung neue Währung: Reichsmark ersetzt die Rentenmark.
1926 Wien: Wiener Unternehmen wird von dem in Neudek getrennt und als Verkaufsstelle für Modeartikel durch Verwandte geführt.
1930 Wien: Eröffnung Insolvenzverfahren gegen Anton Gottschald & Co., Hoher Markt 12
Löschung der Prokura von Franz Leisenz
1931 Wien: Beendigung Insolvenzverfahrens; Julius Kolb ist nunmehr Alleininhaber; Ausgeschieden: Rudolf Kamillo Kunzmann
Verkauf der Geschäftseinrichtung; Umzug in die Neutorgasse 1-3 in Wien.
Firmierung: Anton Gottschald, Wien, Neutorgasse 1-3.
Inhaber: Julius Kolb
1934 Plauen: Zweigniederlassung wird aus finanztechnischen Gründen selbständig.
Inhaber: Heinrich Leo und Josef Kunzmann
1943 Wien: Ableben am 27.5.1943 von Anna Kolb, geb. Eisenmann, Ehefrau von Julius Kolb und Prokuristin der Firma Anton Gottschald.

Ankeruhr Wien

Inbetriebnahme der Ankeruhr in Wien, Hoher Markt – rechts am Gebäude kann man den Schriftzug der Fa. Anton Gottschald erkennen.


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