6. Die „Draakschenk“ wird wieder leben

Ergänzungen und Einblicke in die Familiengeschichte von Richard und Lilian Weickert nach 1945 bis in die heutige Zeit.

Ja, sie wird wieder leben, jedoch unter einer anderen Konstellation. Doch bis es soweit ist, werden mindestens noch fünf wenn nicht sogar mehr Jahre ins Land gehen. Davon ist der Autor, der selbst die Situation vor Ort kennt, überzeugt. Aber ein Anfang ist gemacht und das ist erfreulich, um die Ruine ganz vor dem Verfall zu retten. Auch der Artikel in der „Freien Presse“, Chemnitz, den Herr Josef Grimm mit Erlaubnis von Petra Laurinova und Irmela Henning im Grenzgänger veröffentlichen durfte, ist ein gutes Zeichen.

Verbindung zur Spitzenfabrik Anton Gottschald

Die Familiengeschichte der Dreckschänke und das traurige Schicksal dahinter, sind sehr eng mit der Familiengeschichte der Spitzenfabrik Anton Gottschald in Neudek verbunden. Die chronologischen Ergänzungen beginnen mit dem Jahr 1900 als der Inhaber der Spitzenfabrik und Bürgermeister Karl Kunzmann, die Trauung seiner beiden Töchter Hermine Kunzmann mit Herrn Fritz Ströhmer und Sophie Kunzmann mit Gustav Spechny in der Dekanalkirche zu Neudek am 31. Mai bekannt gab. Es muss eine großartige Doppelhochzeit gewesen sein.

Pilsener Tageblatt, 5. Juni 1900, Seite 3

In der Nachfahren Linie aus der Hochzeit von Hermine mit Fritz Strömer befindet sich heute Frau Blanka Novackova aus Prag. Gemeinsam mit dem Autor ging sie auf Spurensuche woraus sich eine tiefe Freundschaft entwickelte. Dabei waren die Familien, die einst in der Dreckschänke gelebt als auch der Kunzmann Familien in der Firma Anton Gottschald, im Blickpunkt des Interesses.

Aus der Hochzeit zwischen Sophie mit Gustav Spechny entstand mit der Tochter Frieda Charlotte (genannt Fritzi) die Nachfahren Linie von Richard Weikert, Senior.

Das Familienleben der beiden Töchter entwickelte sich in wohl geordneten Bahnen bis im Mai 1945 mit dem verlorenen 2. WK die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus ihrer angestammten Heimat und dem Verlust von Hab und Gut ihren Anfang nahm.

3. vL – Sophie Alexandra Kunzmann – Spechny,
5. vL – Hermine Maria Kunzmann – Ströhmer.
Aufnahme: 1924 in Neudek

Ausgangspunkt der weiteren Suche nach der Familie Richard Weikert, Senior, Inhaber der Dreckschänke, sind die letzten Abschnitte in dem Bericht von Rudolf Behr. (NH 176, Seite 81 sowie Grenzgänger Nr.74 08/2018). Als Sohn von Emma Behr, der treuen Haushaltshilfe in der Dreckschänke, ist das damalige Insiderwissen von Rudolf, heute eine wertvolle Hilfe.

Die Ausweisung von Frieda (Fritzi) Weickert mit den Kindern Lilian, Richard und Manfred erfolgte am 28.5.1945 nach Johanngeorgenstadt. Der Vater war noch nicht aus dem Krieg und gilt bis heute als vermisst. In Weimar/Thüringen fanden sie eine neue Heimat und die Kinder konnten sich so im Gastgewerbe weiter ausbilden lassen.

Nach dem Umzug übernahm Frieda im Jahr 1955 die „Carl-Theodor Stuben“, das vornehmste Lokal, in Frankenthal (Pfalz), das sie gemeinsam mit den Kindern bis 1963 bewirtschaftete.

Manfred Weickert

Wir machen nun einen Sprung in das Jahr 2017 sowie 2018 als Frau Blanka Novackova aus Prag mit der Suche nach nahen Verwandten in Deutschland begann wobei die Suche nach Manfred Weickert, einem Sohn von Frieda, im Vordergrund stand. Ihr lag zwar eine Adresse in Wiesbaden vor, jedoch ihre Briefe wurden nie beantwortet bzw. kamen zurück.

Manfred Weickert   * 5.11.1933  + 16.2.2019

Ein erstes persönliches Gespräch mit dem Autor fand auf der Frühbußer Kirmes statt, wobei er im Rahmen seiner Recherchen zur Firma Anton Gottschald in Neudek, seine Unterstützung anbot.

Eine Überprüfung der Adresse beim Einwohnermeldeamt der Stadt Wiesbaden löste dann das Rätsel über die unbeantworteten Briefe auf: Im Jahr 2015 wurde die ehemalige Wohnung durch einen gesetzlichen Vertreter aufgelöst und Manfred Weickert wurde in die Seniorenresidenz in Wiesbaden aufgenommen.

Mit einem persönlichen Besuch bei Manfred Weikert im Februar 2017 musste der Autor ernüchternd feststellen, dass keine Erinnerungen mehr zu früher vorhanden sind. Eine Demenz im fortgeschrittenen Stadium hat dies leider verhindert. Einige Lichtblicke gab es dann doch als er ihm verschiedene Fotos von der Familie und Dreckschänke auf dem Tablet gezeigt hatte.

Er besuchte die höhere Schule in Bergstatt Platten, erinnerte sich noch an den „Sterzel Kaufladen“, das „Götz Haus“ und an die „Hans Heinz Skisprung Schanze“ in Breitenbach und sehr oft wurde von dort die Verwandtschaft in Neudek besucht.

Bei seinem Einzug hatte er nur zwei Bilder dabei und keine weiteren persönlichen Sachen. Mit der Wohnungsauflösung durch den gesetzlichen Vertreter ist scheinbar sein ganzes Hab und Gut komplett entsorgt worden und möglicherweise auch die Briefe.

Von Beruf war er Florist und im Gartenbau tätig und von seiner ehemaligen Arbeitgeberin, Frau Soop, Wiesbaden, die mittlerweile über 90 Jahre alt ist, hat der Autor erfahren, dass er in jungen Jahren viele Reisen nach Lateinamerika unternommen hat.

Er war nicht verheiratet und somit sind auch keine Nachkommen vorhanden. Der Kontakt zu seiner Schwester Lilian in Frankenthal (Pfalz) ist vor vielen Jahren abgebrochen.

Am 16. Februar 2019 ist er mit 86 Jahren in Wiesbaden verstorben.

Hubert Kunzmann und Manfred Weickert.
21. Februar 2017 in Wiesbaden

Nach Auskunft des Bestattungsunternehmens in Wiesbaden erfolgte die anonyme Beerdigung auf dem Naturfriedhof / Trauerwald in 94252 Bayrisch Eisenstein, Parkplatz: Güterhallenstraße. Von dort hat man einen Blick zum Großen Arber und auf den Grenzbahnhof sowie ein wenig in die ehemalige Heimat.

Lilian Weickert

Die Suche nach Lilian Weickert in Frankenthal gestaltete sich weitaus aufwendiger als gedacht, da eine Wohnadresse nicht vorhanden war. Zudem kam noch hinzu, dass der Autor mit dem Namen „Liliane“ die ganzen Nachforschungen vorgenommen hat, d.h. das „e“ am Ende war zu viel für die Suche in den elektronischen Datenbanken des Stadtarchives in Frankenthal. Lediglich Manfred war darin erfasst. Schließlich fand man den Fehler und der Autor konnte den Aufenthaltsort erfahren. Auch sie wurde in einem Altenheim in Frankenthal aufgenommen.

Im August 2018 nahm der Autor über die Leitung des Seniorenheims Kontakt auf und konnte sie daraufhin persönlich besuchen.

Ihre Augen glänzten als der Autor die alten Fotos von der Dreckschänke zeigte und die dazugehörigen Erklärungen gab. Sie war in dem Gespräch so froh, dass ihr jemand, für sie Fremdes, etwas von ihrer Heimat, dem Erzgebirge und Breitenbach erzählte. Die Erinnerungen waren zwar nicht mehr ganz so präsent wie in jüngeren Jahren, aber das ist mit 88 Jahren normal.

Sie hat so Heimweh nach der Dreckschänke und würde gerne morgen sofort dorthin fahren. Ihren Vater Richard Weickert, Senior, hat sie sofort auf den Fotos wieder erkannt. Genau wie Manfred ist Lilian nicht verheiratet.

Leider sind auch hier bei der Wohnungsauflösung viele persönliche Sachen und Fotos untergegangen.

Wann sich die Geschwister das letzte Mal getroffen bzw. Kontakt hatten, ist dem Autor nicht bekannt, denn sie kannten den derzeitigen Aufenthaltsort voneinander nicht. Als der Autor die Verwaltungen der Seniorenheime davon in Kenntnis setzte, waren diese völlig erstaunt darüber.

Hubert Kunzmann und  Lilian Weickert.
13. August 2018 in Frankenthal

Richard Weickert

Über den zweiten Bruder Richard Weickert von Lilian und Manfred sind leider nur ganz spärliche Informationen vorhanden. Nur so viel, dass er ein erstklassiger Küchenchef in den „Carl-Theodor-Stuben“ in Frankenthal war und im Januar 1962 auf tragische Weise ums Leben gekommen ist.

Richard Weickert, Jun.  * ca. 1931  + Januar 1962

Frieda Charlotte Weickert, geb. Spechny

Doch nun zur Mutter der drei Geschwister, Frau Frieda Charlotte Weickert, geb. Spechny, die mit Richard Weickert, Senior, verheiratet war. Leider ist kein Foto mehr von Ihr bzw. ihrer Hochzeit vorhanden.

Geboren wurde sie am 16.April 1907 in der Dreckschänke in Breitenbach und verstarb am 10. September 1965 in Frankenthal (Pfalz).

In den Gewerbeakten im Stadtarchiv Frankenthal findet man folgende Hinweise zum Hotel „Haus Weickert“ und der „Carl-Theodor-Stuben“: Das Hotel „Haus Weickert“ befand sich in der Frankenstraße 2. Das Haus existiert noch und steht unter Denkmalschutz. Es ist heute ein reines Wohnhaus und wurde um 1900 für einen Betriebsdirektor der Frankenthaler Zuckerfabrik gebaut.

Das Hotel wurde von Frieda Weickert 1961 eröffnet und bis zu ihrem Tod 1965 geführt. Im Jahr 1966 hat es dann der Sohn Manfred übernommen. Er ist 1973 nach Wiesbaden verzogen und hat das Hotel seiner Schwester Lilian übergeben (die alle Papiere im Übrigen mit Lilian unterschrieben hat). Sie hat den Betrieb Anfang 1976 aufgegeben.

Ein paar Monate vorher, im Januar, scheint das Haus zwangsversteigert worden zu sein. Ein entsprechender Hinweis findet sich in der Akte. Der Begriff „Hotel“ ist allerdings etwas hochgegriffen. Das Haus hatte lediglich 6 Betten. Im Gewerbeantrag läuft es unter „Gaststätte mit Fremdenzimmern“.

Die „Carl-Theodor-Stuben“ existieren noch als Gaststätte, allerdings schon lange unter einem anderen Namen. Zurzeit befindet sich in dem Haus ein italienisches Restaurant. Die „Carl-Theodor-Stuben“ wurden nie von Lilian, sondern von ihrer Mutter Frieda geführt. Eröffnet wurden sie 1955. Die Gaststätte entwickelte sich rasch zum ersten Haus am Platz. 1963 hat Frieda dann den Betrieb eingestellt. Das Haus wurde dann von einem anderen Wirt übernommen.

Weiterhin war in der Gewerbeakte noch ein Artikel über den  Nachruf auf Frieda Charlotte Weickert (genannt Fritzi) in der Zeitung „Die Rheinpfalz“ vom 16.9.1965 vorhanden, denn der Autor nachfolgend wiedergibt.

Dreckschänke – Aufnahme 2010
Richard Weickert, Sen., Ehemann von Frieda. Weitere Daten unbekannt.

Fazit

Viele Leser sowie Besucher des Erzgebirges fühlen sich mit der „Dreckschänke“ in irgendeiner Weise verbunden wobei vieles bereits auf der Homepage des Erzgebirgsvereins sowie in Zeitungsartikeln der „Freien Presse“ Chemnitz, zu finden ist.

In seinem Artikel ging es dem Autor um die Darstellung des familiären Schicksals von +Manfred und Lilian Weickert, die rechtmäßigen Nachfolger der „Dreckschänke“, um dies der Vergessenheit zu entreißen. Die Menschen und was aus Ihnen nach der Vertreibung aus ihrer Heimat geworden ist, standen in der Betrachtungsweise im Vordergrund und nicht die materielle Fassade.

Der zweite Weltkrieg mit all seinen unermesslichen Grausamkeiten und die Folgen daraus, haben dies für immer zu Nichte gemacht.

Dem neuen Besitzer, Herrn Marek Plachy, wünscht der Autor viel Erfolg und eine glückliche Hand beim Wiederaufbau damit die „Dreckschänke“ zur alten Blüte wieder erwachen kann. Schon heute freut er sich, einmal dort ein kühles Bier im neuen Ambiente zu genießen.

Von dem Jubiläumsheft „Die 100jährige Dreckschänke“ wurden durch den Autor einige Exemplare nachgedruckt und können auf Anfrage von ihm bezogen werden.